Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste vorab
Welche Kennzahl belegt die Eignung eines KI-Modells?
Keine Kennzahl belegt die Eignung allein. Wählen Sie Metriken nach den Folgen falscher Entscheidungen, dem vorgesehenen Einsatz und relevanten Untergruppen. Bestimmen Sie Akzeptanzkriterien vor der entscheidenden Prüfung und berechnen Sie die Werte aus nachvollziehbaren Einzelentscheidungen. Der Annex-22-Entwurf nennt hierfür mehrere mögliche Metriken; er liefert keine universelle Mindesttrefferquote für jedes Modell.
- Definieren Sie zuerst, welcher Fehler welche fachliche Folge hat.
- Gesamtleistung und relevante Untergruppen getrennt bewerten.
- Grenzwerte vor der Prüfung festlegen und Unsicherheit der Stichprobe beachten.
1. Ordnen Sie Entwurfsstatus und Einsatzgrenze ein
Am 7. Oktober 2026 ist Annex 22 weiterhin als Konsultationsentwurf zu behandeln. Die Konsultation endete 2025; daraus entstand keine automatische Inkraftsetzung. Die folgenden Vorschläge dienen der Vorbereitung eines konkreten Humanarzneimittel-GMP-Einsatzes neben den bestehenden anwendbaren Anforderungen.
Der Entwurf richtet sich hier auf statische deterministische Modelle in kritischen GMP-Anwendungen. Seine Liste möglicher Kennzahlen ist kein fertiger Validierungsplan. Zunächst benötigen Sie eine klare Beschreibung dessen, was das Modell entscheiden soll und wo ein Mensch oder anderer Prozessschritt die Entscheidung ergänzt.
Dieser Artikel vertieft die Leistungsbewertung. Die Unabhängigkeit des Testbestands wird separat behandelt, weil eine sauber gerechnete Kennzahl durch bekannte oder ungeeignete Daten dennoch irreführend sein kann.
2. Beschreiben Sie den Fehler vor der Kennzahl
Nehmen Sie eine konkrete Entscheidung: Ein Bild wird als „Defekt“ oder „kein Defekt“ klassifiziert. Ein übersehener Defekt und ein fälschlich beanstandetes Gutteil haben unterschiedliche Folgen. Welcher Fehler für Produktqualität, weitere Bearbeitung und verfügbare Kontrollkapazität relevant ist, muss der Fachbereich erläutern.
Definieren Sie außerdem, was „positiv“ in Ihrer Rechnung bedeutet. Im folgenden Beispiel bedeutet positiv „Defekt erkannt“. Ohne diese Festlegung können Sensitivität und Spezifität korrekt gerechnet, aber fachlich falsch verstanden werden.
Legen Sie fest, welche Referenz den tatsächlichen Zustand bestimmt. Unsichere oder strittige Referenzbewertungen sind eine eigene Qualitätsfrage. Sie sollten nicht still dem Modellergebnis angepasst werden, nur damit die Kennzahl besser aussieht.
Quellen: [1]
3. Wählen Sie ergänzende Metriken statt einer Gesamtquote
Der Entwurf nennt unter anderem Sensitivität, Spezifität, Accuracy, Präzision und F1. Wählen Sie die für Ihre Entscheidung nützlichen Größen und dokumentieren Sie Zähler und Nenner. Die Auswahl sollte erklären, welchen Fehler die jeweilige Kennzahl sichtbar macht.
Die folgende Tabelle verwendet übliche Definitionen für eine binäre Klassifikation. TP bezeichnet richtig erkannte Defekte, FN übersehene Defekte, FP fälschlich beanstandete Gutteile und TN richtig erkannte Gutteile. Die fachliche Eignung dieser Definitionen bleibt für andere Aufgaben gesondert zu prüfen.
| Kennzahl | Berechnung | Fachliche Frage |
|---|---|---|
| Sensitivität | TP ÷ (TP + FN) | Welcher Anteil der tatsächlichen Defekte wird erkannt? |
| Spezifität | TN ÷ (TN + FP) | Welcher Anteil der Gutteile wird richtig nicht beanstandet? |
| Präzision | TP ÷ (TP + FP) | Welcher Anteil der Beanstandungen ist tatsächlich ein Defekt? |
| Accuracy | (TP + TN) ÷ Gesamtzahl | Wie groß ist der Anteil aller richtigen Entscheidungen? |
| F1 | 2 × TP ÷ (2 × TP + FP + FN) | Wie verbinden sich Präzision und Sensitivität in dieser Zusammenfassung? |
Quellen: [1]
4. Ein vollständig gerechnetes illustratives Beispiel
Für ein konstruiertes Beispiel werden 240 unabhängige Prüffälle angenommen: 40 tatsächliche Defekte und 200 Gutteile. Vor dem Lauf gelten ausschließlich für dieses Beispiel zwei Kriterien: Sensitivität mindestens 95 Prozent und Spezifität mindestens 97 Prozent. Ihre fachliche Angemessenheit und statistische Sicherheit werden durch diese Annahme nicht bewiesen.
Das Modell erkennt 38 Defekte und übersieht 2. Es beanstandet außerdem 8 Gutteile; 192 Gutteile werden richtig erkannt. Damit sind 230 von 240 Entscheidungen richtig, also rund 95,83 Prozent. Trotzdem wird eines der zwei angenommenen Kriterien verfehlt.
Die Matrix bewahrt die absoluten Zahlen. Wer nur die Gesamtquote berichtet, verdeckt die unterschiedliche Fehlerwirkung. Auch die Erfüllung eines beobachteten Prozentwertes wäre noch kein Beleg für eine ausreichend sichere Populationsaussage.
| Größe | Rechnung / Wert | Bewertung im Beispiel |
|---|---|---|
| Defekte | TP 38 + FN 2 = 40 | 2 übersehene Defekte einzeln bewerten |
| Gutteile | TN 192 + FP 8 = 200 | 8 Fehlbeanstandungen |
| Sensitivität | 38 ÷ 40 = 95 % | Angenommene Grenze 95 % erreicht |
| Spezifität | 192 ÷ 200 = 96 % | Angenommene Grenze 97 % verfehlt |
| Präzision / F1 | 38 ÷ 46 ≈ 82,61 %; 76 ÷ 86 ≈ 88,37 % | Ergänzende Beschreibung, keine eigenen Akzeptanzgrenzen |
| Gesamtentscheidung | 230 ÷ 240 ≈ 95,83 % Accuracy | Keine Annahme aufgrund der Gesamtquote; Spezifitätskriterium nicht erfüllt |
5. Lassen Sie relevante Untergruppen sichtbar
Eine gute Gesamtleistung kann eine schwache Untergruppe überdecken. Im konstruierten Fall könnten beispielsweise 30 Defekte einer häufigen und 10 einer seltenen Fehlerart angehören. Werden alle 30 häufigen, aber nur 8 seltene erkannt, bleibt die Gesamtsensitivität 38 von 40 beziehungsweise 95 Prozent; die seltene Gruppe liegt bei 80 Prozent.
Der Entwurf nennt vorab definierte Untergruppen und passende Kriterien. Sie müssen nicht jede denkbare Kombination mit derselben Tiefe prüfen. Begründen Sie, welche Unterschiede für den Einsatz entscheidend sind, etwa Material, Standort, Gerät oder Fehlerart.
Vermeiden Sie nachträgliches Herausgreifen nur gut gelaufener Gruppen. Eine nach dem Test entdeckte Schwäche kann eine neue Hypothese und weitere Untersuchung begründen. Sie sollte nicht durch eine neue Gruppendefinition aus dem Abschlussbericht verschwinden.
Quellen: [1]
6. Trennen Sie Entscheidungsschwelle und Akzeptanzgrenze
Die Entscheidungsschwelle steuert, ab welchem Modellwert ein Fall beanstandet wird. Die Akzeptanzgrenze bestimmt, welche gemessene Leistung für den geplanten Einsatz genügen soll. Das sind unterschiedliche Festlegungen. Wird die Entscheidungsschwelle nach Sichtung des Abschlusstests optimiert, beeinflusst dies die Unabhängigkeit der Leistungsbewertung.
Prüfen Sie auch den Umgang mit nicht entschiedenen oder technisch fehlerhaften Fällen. Diese dürfen nicht still aus dem Nenner verschwinden. Legen Sie vorab fest, wie sie klassifiziert, untersucht und in der Gesamtentscheidung berücksichtigt werden.
Bei einer verfehlten Grenze folgt eine begründete Entscheidung: Ursachen untersuchen, Einsatz eingrenzen, ergänzende Kontrollen bewerten oder Modell überarbeiten. Eine nachträgliche Absenkung der Grenze allein, damit das Ergebnis passt, liefert keinen belastbaren Eignungsnachweis.
7. Vorbereitung für eine aussagekräftige Leistungsprüfung
Fachverantwortliche begründen die Fehlerfolgen und akzeptable Leistung. Datenspezialisten definieren Berechnung und Unsicherheit, QA prüft die Nachvollziehbarkeit der Entscheidung. Die Rollen benötigen dieselben Definitionen; ein rein technischer Kennzahlenexport ersetzt diese Abstimmung nicht.
- Intended Use, Positivklasse und Referenzbewertung festlegen.
- Relevante Fehlerfolgen und Untergruppen benennen.
- Zähler, Nenner und Umgang mit unentschiedenen Fällen definieren.
- Kriterien vor dem entscheidenden Test fachlich begründen.
- Unabhängigkeit, Repräsentativität und Umfang der Testdaten bewerten.
- Absolute Fallzahlen, Einzelbefunde und Rechenweg aufbewahren.
- Verfehlte Kriterien und verbleibende Unsicherheit in der Entscheidung berücksichtigen.
8. Schreiben Sie eine Entscheidung statt einer Kennzahlenliste
Der Abschluss sollte erklären, für welchen Einsatz welche Aussage getragen wird. Nennen Sie die geprüfte Version, die maßgeblichen Kriterien, wesentliche Fehler und Grenzen. Ein Modell kann für einen eingeschränkten Bereich geeignet sein, ohne dass dies den gesamten ursprünglich vorgesehenen Einsatz belegt.
Verknüpfen Sie die Bewertung mit dem späteren Betrieb. Welche Kennzahl wird weiter beobachtet, welche Untergruppe benötigt Aufmerksamkeit und welches Signal löst eine erneute Bewertung aus? Damit werden die Testwerte zum Ausgangspunkt einer kontrollierten Nutzung statt zu einer einmaligen Erfolgszahl.
Häufige Fragen zu KI-Leistung und Kriterien
Fordert Annex 22 eine bestimmte Mindest-Accuracy?
Der betrachtete Entwurf liefert keine universelle Mindestquote. Er beschreibt die Auswahl geeigneter Metriken und vorab festgelegter Kriterien für den jeweiligen Einsatz. Die Zahlen im Beispiel sind eigene Annahmen und dürfen nicht als behördliche Grenzwerte übernommen werden.
Quellen: [1]
Warum kann 95,83 Prozent Accuracy im Beispiel nicht genügen?
Weil das vorab angenommene Spezifitätskriterium von 97 Prozent verfehlt wird: 192 von 200 Gutteilen entsprechen 96 Prozent. Die hohe Gesamtquote hebt diesen Befund nicht auf. Außerdem muss die Angemessenheit der Kriterien selbst begründet sein.
Quellen: [1]
Ist Sensitivität immer wichtiger als Präzision?
Was bedeutet eine kleine Untergruppe mit schlechter Leistung?
Sie kann auf eine konkrete Einsatzgrenze hinweisen, liefert bei kleiner Fallzahl aber zugleich eine unsichere Schätzung. Bewerten Sie Fehlerart, Datenumfang und Konsequenz gemeinsam. Ein guter Durchschnitt sollte die Schwäche nicht verdecken.
Quellen: [1]
Dürfen wir nach dem Test eine andere Schwelle wählen?
Eine Änderung ist möglich, muss aber als Entwicklungs- oder Änderungsentscheidung eingeordnet werden. Die Leistung am bereits betrachteten Testbestand ist dann nicht ohne Weiteres eine unabhängige Abschlussaussage. Planen Sie den weiteren Nachweis entsprechend.
Quellen: [1]
Wie behandeln wir Fälle ohne Modellergebnis?
Legen Sie vorab fest, wie technische Ausfälle oder unentschiedene Fälle erfasst und bewertet werden. Ein stiller Ausschluss kann die Leistung beschönigen. Ob eine manuelle Bearbeitung zulässig und ausreichend ist, hängt vom definierten Ablauf ab.
Quellen: [1]
Beweisen 240 Fälle eine ausreichende statistische Sicherheit?
Nein. Die Menge illustriert lediglich die Rechnung. Für eine belastbare Aussage müssen Auswahl, Untergruppen, Fehlerhäufigkeiten und erforderliche statistische Sicherheit zum Einsatz passen. Ein beobachteter Prozentwert ist keine Garantie für künftige Leistung.
Quellen: [1]
Was sollte die Geschäftsleitung aus dem Ergebnis erfahren?
Quellen & fachlicher Stand
Quellenstand: 7. Oktober 2026. Annex 22 bleibt Konsultationsentwurf. Alle Beispielmengen und Grenzwerte sind illustrative Annahmen, keine regulatorischen Vorgaben oder behaupteten Testergebnisse. Keine statistische Stichprobenberatung für ein konkretes Produkt.
- Europäische Kommission: Entwurf Annex 22 – Artificial IntelligenceKonsultationsentwurf 2025, am 07.10.2026 keine geltende Annex-22-Leitlinie. §§ 1, 3–7 und 10; statische deterministische Modelle in kritischen GMP-Anwendungen.
- Europäische Kommission: Konsultation zu Chapter 4, Annex 11 und Annex 22Offizielle Konsultation vom 07.07. bis 07.10.2025; am 07.10.2026 geschlossen. Der Abschluss der Konsultation ist keine Inkraftsetzung.
- Europäische Kommission: EudraLex Volume 4 – aktueller DokumentbestandGeprüft am 07.10.2026: Annex 11 Revision Januar 2011; gesonderter Veterinärbereich mit Anwendung der Verordnungen 2025/2091 und 2025/2154 seit 16.07.2026.
- Europäische Kommission: EU-GMP Annex 11 – Computerised SystemsRevision Januar 2011, anwendbar seit 30.06.2011; §§ 1, 4, 6–7, 9–13, 16–17. Humanarzneimittel-GMP-Leitlinie; keine Entwurfsfassung.
Zuletzt fachlich geprüft am 07.10.2026.
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