Inhaltsverzeichnis
Das Wichtigste vorab
Was muss die Systembeschreibung eines kritischen Systems nach Annex 11 erklären?
Für kritische Systeme beschreibt Annex 11 § 4.3 eine aktuelle Systembeschreibung mit physischen und logischen Zusammenhängen, Datenflüssen, Schnittstellen, technischen Voraussetzungen und Sicherheitsmaßnahmen. Grenzen Sie die tatsächliche Anwendung ab und erklären Sie, welche Daten wo entstehen, verändert, geprüft und verwendet werden. Verweisen Sie auf beherrschte Detailunterlagen. Die Beschreibung erläutert den Systemaufbau; sie ersetzt weder fachliche Anforderungen noch den Nachweis, dass Kontrollen wirksam funktionieren.
- Die besondere Beschreibungstiefe in § 4.3 betrifft kritische Systeme.
- Ein Datenfluss braucht fachliche Bedeutung, Ablage und Verantwortlichkeit.
- Stand, Verweise und Änderungsanlässe sind ebenso wichtig wie die erste Zeichnung.
1. Kritikalität und Zweck vor den Umfang stellen
Annex 11 unterscheidet das Inventar relevanter Systeme von der detaillierten Beschreibung kritischer Systeme. Bewerten Sie daher zunächst, welche Bedeutung das betrachtete System für Produktqualität, Patientensicherheit und Datenintegrität hat. Die Zahl der Benutzer oder die Größe des Servers beantwortet diese Frage nicht.
Die Beschreibung soll anschließend konkrete Entscheidungen unterstützen: Welche Teile betrifft ein Update? Wo kann ein Ergebnis verändert werden? Welche Abhängigkeit fällt bei einer Störung aus? Dafür benötigen Fachbereich, QA und IT eine gemeinsame Vorstellung. Ein Dokument, das nur den Herstellerprospekt wiedergibt, erklärt weder Ihre Konfiguration noch den tatsächlichen Arbeitsablauf.
2. Die Systemgrenze praktisch bestimmen
Benennen Sie den vorgesehenen Einsatz, Standort, relevante Instanzen und den betrachteten Softwarestand. Unterscheiden Sie Produktivnutzung, Testumgebung und historische Lesemöglichkeiten, soweit sie für die Beschreibung wichtig sind. Gemeinsame Dienste dürfen außerhalb der engeren Anwendungsgrenze liegen; ihre Wirkung auf die Anwendung muss dennoch erkennbar bleiben.
Ein Verzeichnisdienst kann beispielsweise die Anmeldung liefern, während die Anwendung selbst entscheidet, welche Rolle Daten ändern darf. Eine zentrale Ablage kann Berichte speichern, ohne die fachliche Freigabe durchzuführen. Solche Unterschiede helfen, Verantwortung richtig zuzuordnen. Eine gezeichnete Grenze ist eine methodische Festlegung und darf reale Einflussmöglichkeiten nicht unsichtbar machen.
3. Physische und logische Sicht verbinden
Die physische Sicht beantwortet, wo Komponenten betrieben werden und wie sie verbunden sind. Die logische Sicht erklärt Dienste, Berechtigungen, Verarbeitung und Datenbeziehungen. Beide können in einer übersichtlichen Darstellung mit ergänzenden Tabellen zusammengeführt werden. Annex 11 verlangt dafür weder ein bestimmtes Zeichenprogramm noch zwingend getrennte Dateien.
Als eigene Auswahlhilfe zeigt die Tabelle, welche Information eine sinnvolle Nachweisfrage vorbereitet. Geheimnisse wie Kennwörter gehören nicht in eine breit verteilte Beschreibung. Sicherheitsrelevante Detailunterlagen können geschützt referenziert werden, solange berechtigte Personen sie im erforderlichen Zusammenhang auffinden und bewerten können.
| Element | Konkrete Beschreibung | Damit vorbereitete Frage |
|---|---|---|
| Anwendung | Instanz LAB-P; Ergebnisprüfung | Welche Funktionen unterstützt diese Instanz? |
| Plattform | Anwendungsdienst und Datenbank, referenzierter Stand | Welche Voraussetzungen tragen den Betrieb? |
| Identität | Zentrale Anmeldung; Rollen in LAB-P | Wo wird Zugriff tatsächlich eingeschränkt? |
| Speicherung | Ergebnisdatenbank und verknüpfter Bericht | Wo liegt der vollständige relevante Record? |
| Datenübergang | LAB-P sendet Materialstatus an ERP-P | Welche Bedeutung muss im Ziel erhalten bleiben? |
4. Daten vom Ursprung bis zur Verwendung verfolgen
Beschreiben Sie nicht nur Pfeile zwischen Kästen. Ein Datenfluss sollte Quelle, fachlichen Inhalt, relevante Kennungen und Zielverwendung erklären. Halten Sie fest, wo automatische Verarbeitung erfolgt und wo Menschen Daten übertragen oder Entscheidungen treffen. Auch temporäre Speicherung und manuelle Zwischenschritte können die Nachvollziehbarkeit beeinflussen.
PIC/S PI 041-1 nennt die Betrachtung des Datenflusses als hilfreichen Zugang zu Datenrisiken. Für Ihre Beschreibung lässt sich daraus eine konkrete Frage ableiten: Kann eine andere Person anhand des Dokuments einen ausgewählten Record durch den Prozess verfolgen? Wenn ein Export seine ursprüngliche Kennung verliert, hilft ein technisch korrekt gezeichneter Netzwerkpfad allein nicht weiter.
5. Illustratives Beispiel: Laborstatus erreicht die Materialverwaltung
Angenommen, LAB-P bewertet die Probe P-041 zur Materialcharge M-018. Nach einer vorgesehenen fachlichen Entscheidung sendet es den Statuscode F an ERP-P. Im ausdrücklich konstruierten Sollmodell bedeutet F „zur vorgesehenen Materialverwendung freigegeben“. Es handelt sich nicht um die rechtliche Zertifizierung einer Arzneimittelcharge durch eine sachkundige Person.
Die Beschreibung muss erläutern, wie Probe, Charge und Entscheidung verbunden bleiben und was bei fehlender Zuordnung geschieht. Die Tabelle ist ein ausgefülltes eigenes Sollbeispiel. Sie behauptet keine Funktion eines konkreten Produkts. Ob die dargestellten Kontrollen in Ihrem System funktionieren, wäre gesondert zu prüfen.
| Station | Daten und Verarbeitung | Soll oder Fehlerreaktion |
|---|---|---|
| LAB-P | P-041 gehört zu M-018; Entscheidung F | Zuordnung und Entscheider bleiben auffindbar |
| Übertragung | M-018 + F + Entscheidungsreferenz | Nur vollständig zugeordnete Nachricht verarbeiten |
| ERP-P | F wird zu definierter Verwendungsberechtigung | Berechtigung gilt ausschließlich für M-018 |
| Fehlerfall | Nachricht enthält unbekannte Charge M-999 | Keine ersatzweise Freigabe einer ähnlich benannten Charge |
| Wiederholung | Identische Entscheidung erneut übertragen | Keine neue eigenständige Entscheidung erfinden |
6. Sicherheitsmaßnahmen auf ihre Wirkung beziehen
Führen Sie aus, welche Stellen unberechtigte Änderungen, Verlust oder Verwechslungen verhindern beziehungsweise erkennen sollen. Dazu können Rollen, geschützte Speicherung, kontrollierte Konfiguration, Protokollierung und Wiederherstellungsverfahren gehören. Die Beschreibung sollte erkennen lassen, welche Schicht eine Kontrolle trägt und wer sie administriert.
„Zugriff ist geschützt“ bleibt dagegen zu unbestimmt. Prüfen Sie beispielsweise, ob ein Anwendungsbenutzer über einen Dateipfad dieselben Daten verändern könnte, die ihm die Oberfläche nur lesend zeigt. Eine vorhandene Sicherung erklärt wiederum nicht automatisch, welche Daten nach Wiederherstellung zusammenpassen. Beschreiben Sie die relevanten Abhängigkeiten, ohne aus einer Sicherheitsfunktion eine absolute Manipulationssicherheit abzuleiten.
7. Anforderungen, Beschreibung und Tests verknüpfen
Die URS erläutert das fachliche Soll, die Beschreibung den konkreten Aufbau und die Prüfung die beobachtete Erfüllung ausgewählter Kriterien. Diese Zwecke können in einem gelenkten Dokumentenmodell verbunden sein. Es gibt keinen sachlichen Gewinn, dieselbe Schnittstellentabelle in mehreren Dateien unabhängig zu pflegen.
Nutzen Sie eindeutige Referenzen: Eine Anforderung zur richtigen Chargenzuordnung verweist auf den beschriebenen Datenübergang und dessen Prüfbelege. Der Testbericht kann dann zeigen, welche Version und Umgebung geprüft wurden. Änderungen bleiben bewertbar, weil Sie nicht erst aus verstreuten Screenshots rekonstruieren müssen, welche Verbindung zum damaligen System gehörte.
8. Beschreibung im Betrieb aktuell halten
Verankern Sie die Aktualitätsprüfung in Änderungen und periodischer Bewertung. Neue Schnittstellen, geänderte Datenablagen, Rollenmodelle oder Betriebsverantwortung können eine Anpassung erfordern. Ein rein redaktioneller Verweiswechsel kann anders behandelt werden als ein neuer Datenweg; die Unterscheidung sollte nachvollziehbar sein.
Beginnen Sie bei einem Altsystem mit belegbaren Informationen. Markieren Sie nicht bestätigte Annahmen ausdrücklich und klären Sie sie am tatsächlichen Betrieb. Ein sauber gestaltetes Diagramm ist kein Beleg für einen unbekannten Zustand. Die Checkliste hilft beim fachlichen Abschluss des Dokuments; sie ersetzt nicht die Prüfung offener Risiken.
- Kritikalität, Einsatzzweck und beschriebene Instanz benannt.
- Physischer und logischer Aufbau zusammen verständlich.
- Datenwege einschließlich manueller Übergaben und relevanter Speicherstellen erklärt.
- Schnittstellen mit fachlichen Kennungen und Zielverwendung beschrieben.
- Sicherheitsmaßnahmen und technische Voraussetzungen zugeordnet.
- Stand, Verantwortlichkeit, Detailverweise und offene Annahmen geprüft.
Häufige Fragen zu Systembeschreibung
Ist eine Systembeschreibung für jedes relevante System gleich ausführlich nötig?
Annex 11 § 4.3 verbindet die detaillierte Beschreibung ausdrücklich mit kritischen Systemen. Die passende Einordnung und Detailtiefe müssen Sie begründen. Auch bei anderen Systemen können verständliche Unterlagen zweckmäßig sein; daraus entsteht aber kein identischer Umfang für jede Anwendung.
Quellen: [1]
Reicht das Handbuch des Herstellers?
Es kann Produktfunktionen und Voraussetzungen erklären. Ihre tatsächliche Instanz, Konfiguration, Nutzung und Anbindung müssen trotzdem erkennbar sein. Prüfen Sie deshalb, welche Teile des Handbuchs passen und welche betrieblichen Ergänzungen erforderlich sind, statt pauschal alles neu zu schreiben.
Quellen: [1]
Müssen wir jeden Servernamen im Hauptdokument führen?
Gehören Papieraufzeichnungen in die Darstellung?
Wenn sie Teil des relevanten Datenwegs sind, sollte ihre Rolle erkennbar sein. Kapitel 4 behandelt auch hybride Dokumentationsformen. Beschreiben Sie beispielsweise, wie ein unterschriebener Papierbeleg mit einem elektronischen Datensatz verbunden wird und welcher Schritt die Information verwendet.
Brauchen wir zwingend ein grafisches Datenflussbild?
Die Form ist nicht vorgeschrieben. Eine gut strukturierte Tabelle kann für einen überschaubaren Ablauf ausreichen. Bei mehreren Schnittstellen erleichtert ein Bild häufig die Orientierung, braucht aber erläuterte Daten und Richtungen, damit es mehr als eine technische Netzskizze zeigt.
Wie detailliert müssen Sicherheitsmaßnahmen beschrieben sein?
So, dass relevante Schutzwirkungen und Zuständigkeiten nachvollziehbar werden. Beschreiben Sie beispielsweise Anwendungsrollen und den Einfluss administrativer Zugriffe. Empfindliche technische Details können geschützt referenziert werden. Vollständige Kennwörter oder Zugangsschlüssel gehören nicht in das Dokument.
Ersetzt die Beschreibung eine Validierung?
Nein. Sie macht Aufbau, Grenzen und Datenwege verständlich und unterstützt damit die risikobezogene Nachweisplanung. Ob eine Zuordnung, Berechtigung oder Fehlerbehandlung tatsächlich funktioniert, muss durch passende Evidenz belegt werden. Eine plausibel gezeichnete Kontrolle ist noch keine geprüfte Kontrolle.
Quellen: [1]
Bei welchen Änderungen muss die Systembeschreibung aktualisiert werden?
Wenn sie den beschriebenen Zustand oder dessen Verständnis relevant verändert. Das betrifft etwa neue Datenquellen, andere Ablagen oder geänderte Verantwortlichkeiten. Legen Sie im Änderungsverfahren fest, wie Dokumentauswirkungen geprüft werden; nicht jede Änderung verlangt eine vollständige Neuerstellung.
Wer sollte die Angaben bestätigen?
Fachbereich, IT und Systemverantwortung liefern unterschiedliche Teile. QA beurteilt den Bezug zum Qualitätsprozess. Entscheidend sind passende Sachkenntnis und definierte Verantwortung. Eine Unterschrift einer unbeteiligten Person macht eine ungeprüfte technische Behauptung nicht zuverlässiger.
Quellen: [1]
Wie gehen wir mit unbekannten Altschnittstellen um?
Kennzeichnen Sie die Lücke und untersuchen Sie den tatsächlichen Datenweg kontrolliert. Nutzen Sie Konfiguration, Betriebsnachweise und geeignete Beobachtung. Vermeiden Sie unkontrollierte Eingriffe in Produktivdaten. Bis zur Klärung sollte die Beschreibung Unsicherheit sichtbar lassen und keine vollständige Kenntnis vortäuschen.
Quellen & fachlicher Stand
Quellenstand 07.10.2026. Maßgeblich ist hier der Humanarzneimittel-GMP-Bereich. EudraLex führt Annex 11 und Chapter 4 in der Fassung Januar 2011; der konsultierte Entwurf von 2025 wird nicht als geltende Vorgabe verwendet. Die ausgefüllten Beispiele und Tabellen sind eigene Arbeitshilfen, keine behördlichen Mustervorlagen.
- EU-GMP Annex 11: Computerised SystemsRevision Januar 2011; Anwendungsdatum 30.06.2011; Abruf 07.10.2026. Fundstellen: Principle; §§1–2, 4.3–4.4, 4.7, 5, 7, 10–12, 15
- EU-GMP Chapter 4: DocumentationRevision Januar 2011; Anwendungsdatum 30.06.2011; Abruf 07.10.2026. Fundstellen: §§4.1–4.5, 4.10
- PIC/S PI 041-1: Good Practices for Data Management and IntegrityPI 041-1, 01.07.2021; Abruf 07.10.2026. Fundstellen: §§9.1.2, 9.1.5–9.1.6, 9.4–9.5
- Europäische Kommission: EudraLex Volume 4Status am 07.10.2026: Humanarzneimittelabschnitt führt Annex 11 Januar 2011 und Chapter 4 Januar 2011; Abruf 07.10.2026. Fundstellen: Human medicines / Annex 11 / Chapter 4
- Europäische Kommission: Konsultation 2025 zu Chapter 4, Annex 11 und Annex 22Status am 07.10.2026: geschlossen; 07.07.–07.10.2025. Fundstellen: Details; Revision of Annex 11; Links ausdrücklich Draft guidelines. Dient allein der Statusabgrenzung, nicht als geltende Anforderungsquelle.
Zuletzt fachlich geprüft am 07.10.2026.
Den konkreten Kontroll- und Nachweisbedarf bearbeiten
Daniel Herrmann Consulting unterstützt Sie dabei, diesen Ablauf auf Ihren Systembestand zu übertragen, Lücken zu bewerten und passende Nachweise vorzubereiten. Umfang und Mitwirkung richten sich nach Ihrem tatsächlichen Prozess.
- IT-GxP-Audit →
Anforderungen, vorhandene Nachweise und relevante Lücken beurteilen.
- IT-GxP-Consulting →
Vereinbarte Bewertungs-, Dokumentations- und Testarbeit im Projekt bearbeiten.
- IT-GxP-Coaching →
Ihr Team bei konkreten Entscheidungen und der Anwendung eigener Verfahren begleiten.
- IT-GxP-Compliance-Programm →
Passende interne Verfahren, Vorlagen und Schulung aufbauen.
